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Donnerstag, 2019-10-17

Die Mistel

 Seit alters her ranken sich viele Mythen um die Mistel. Auch aus botanischer und medizinischer Sicht lohnt sich ein genauer Blick. Wenn im Winter die Bäume ihr Laub abwerfen, tritt die Mistel mit ihrer eigenartigen Lebensweise besonders in den Fokus. Sie fällt mit ihren kugelrunden Büschen einfach auf und ist weithin sichtbar. Als sogenannter Halbschmarotzer besiedelt sie das Kronenbereich von Bäumen und hat sich einen Platz an der Sonne gesichert. Sie hat keine richtigen Wurzeln, sondern sogenannte Haustorien (spezielle Saugwurzeln), mit denen sie in das Holz ihrer Wirtsbäume eindringt und deren Leitungsbahnen anzapft, um Wasser und Nährsalze aufzunehmen. Im Gegensatz zu echten Schmarotzern betreibt sie jedoch selbst die Fotosynthese. Sie blüht bereits im März; ihre Beeren reifen hingegen erst im Dezember, wenn die Wirtsbäume schon wieder kahl sind. So finden Insekten und Vögel leichter die Blüten und Beeren. Die Misteldrossel hat ihren Namen sogar nach ihrer Lieblingsspeise erhalten. Verbreitet wird die Mistel durch Vogelkot. Die Vögel fressen die weißen Beeren und scheiden die Samen mitsamt der klebrigen Hülle wieder aus. Sobald sich auf einen geeigneten Baum fallen, treiben sie aus. Eine neue Generation wächst heran.

Die Mistel besaß für unsere Vorfahren und viele Völker eine große Bedeutung. Sie war eine magische Pflanze, die von den Druiden mit goldenen Sicheln geerntet wurde und nicht zu Boden fallen durfte, weil sie dann ihre besondere Wirkung einbüßten. Von ihnen wurde sie als Arzneipflanze gegen Epilepsie und Schwindelanfälle verwendet. Unsere Vorfahren hängten die Mistelzweige zum Schutz vor Feuer und bösen Geistern an die Hauswand. In der modernen Pflanzenheilkunde wird die Mistel gegen Bluthochdruck und Krebs eingesetzt.

Von ihr existieren drei Unterarten, die sich rein äußerlich kaum unterscheiden und hochspezialisiert auf jeweils anderen Wirtsbäumen wachsen. [ Text und Bilder: U. Nickel]